5 Tage Arbeit, 5 Tage Anpassung, 5 Tage hat sich eine Spannung in mir aufgebaut, die sich gleich zur Hochspannung entwickelt. Einen Kurzschluss wird es heute geben, ich bin bereit für den Freitag Abend, bereit diese 5 Tage-nur-noch-Erinnerung hinter mir zu lassen. Es ist jetzt Nebensache wohin mein Boss in die Ferien geht, welches Wetter er lieber hätte und was ER sonst noch so tut.
Es ist mir jetzt egal was auf dieser Welt so alles schief läuft, wer wen gerade bei Facebook auf einem Foto markiert hat und wer sich gerade vom Bachelor zum universitären Master entwickelt hat.
Das Handy steht jetzt auf Empfang, die engen Slim-Fit Markenjeans sind bereit um neues zu entdecken und meine beiden Beine vor Kälte und Ausschlag zu schützen. Es geht nach Bern, Capitale unseres Heimatland`s. Sie wird es heute sein, die uns glücklich machen soll.
Troy, charakteristisch sehr direkt und offen, optisch elegant und modisch, Begleiter eines Psychopathen wie mir, ruft mich an. "Was wird`s heute sein, Bern?", fragt er mich, obwohl er ganz genau weiss, dass wir dies schon Sonntags in unserer Stammlounge besprochen haben. Leider ist Jack nicht dabei- meldet sich abwesend, da er sich am nächsten Tag nüchtern und ausgeschlafen dem Ball widmen will.
Endlich, der Bahnhof naht. Meine neuen Schuhe bringen mich schon fast um- nach 400 Metern. Troy die Hand geschüttelt und rein in den "Pronto", der sich als Goldgrube bewährt hat. Wirklich jeder Idiot kauft sich dort was. Heute sind auch wir Gast und betreten den kommerziellen Inbegriff unseres konservativen Kantons und kaufen uns eine Flasche Champagner und einen billigen Weisswein, den man eher runterdrückt als runterschluckt. Schrecklich aber berauschend. Die Zugfahrt lässt sich aushalten, doch irgend so ein deutscher Idiot, der uns Koks verkaufen will, labert die ganze Zeit wie geil er ist und wie geil er es tut. Ich reich ihm eine 10er Note rüber und sag ihm er solle sich einen Zuhörer mieten, leasen, kaufen- weiss ja nicht was sowas kostet. Er wird sich sicher darin auskennen. Irgendwie kommt das nicht so gut an, er will Streit. Ich gebe ihm Geld, er will Streit. Irgendwas passt da nicht ganz zum anderen.
Die Türen öffnen sich. Wir steigen aus und fühlen uns wie in einer anderen Welt. Du steigst in einen Wagen, wartest 1 Stunde und steigst wieder aus. Was sich ändert? Dein ganzes verdammtes Leben ändert sich in solchen Ausflügen. Sie haben sich hohen Stellenwert ergattert in meinem Leben, lassen meine Sichtweise erweitern, bestätigen meine Weltoffenheit und beglücken meine Sinne. Dem Leben einen Sinn geben...
So viele Leute siehst du bei uns nicht mal am Nationalfeiertag. Ich sehe eine aufbrausende Menge die sich je nach Individuums in eine andere Richtung bewegt. Schau ich vor den Dönerladen sehe ich Türken die über wohl ganz wichtige Sachen diskutieren, daneben liegen ein Dutzend Punks die sich heute weniger Hygiene genehmigt haben als ihre eigenen Hunde. Ich laufe weiter, da packt mich Troy an meinem Ellbogen, schaut mich nicht mal an, hingegen guckt er in Richtung eines Bienenschwarms und meint:"Alter, ich hab den Himmel gesehen. Wenn die nur wüssten, was ich mit jeder einzelnen von denen machen würde, dann würden sie nicht so rumstehen als würden sie danach suchen." Ich liebe seine Ausdrucksweise wenn es sich um Geschlechtsverkehr handelt. Vor dem Bahnhof rufen wir ein Taxi. Zum laufen sind wir uns heute zu schade und uns auskennen...? Vergiss es. Der Taxifahrer ist Ausländer, genauer gesagt Tamile. Er ist sehr freundlich, jedenfalls bis ich ihm einen Tamilen-Choke erzählt habe. Wir müssen die Mercedes C-Klasse verlassen. Okay, nächstes Taxi. Wir steigen ein, Troy sitzt natürlich vorne und kommuniziert. Er fragt nach einer Visitenkarte und am Ziel angekommen, steigen wir aus. Dieser Club hat uns der Taxifahrer geraten. "Gentleman`s Club". Klingt gut, sieht gut aus, aber diese polnische Frau, die uns begleitet um die Türe aufzumachen passt mir gar nicht. Ich weiss nicht wieso, aber ich verachte sie schon bevor ich ihr auf die Beine gespannt habe. Ihr Ausdruck scheint betrügerisch zu sein, ihre Hände sehnen sich nach dreckigem Geld und ihre Gedanken schweben so zwischen Ficken und Feierabend machen. Ich wünsche ihr nichts Gutes.
Die Türe auf, nächster Begleiter. Ein schwarzhaariger Italiener der sehr gut deutsch spricht, aber leicht erkältet ist. Er will es sich nicht anmerken und ich will mich nicht anstecken. Also schleunigst rein da. An der Bar bestellen wir zwei Beck`s und müssen dafür 36.- CHF aus meinem Portemonnaie zücken. Leicht benebelt von diesem Ticket schauen wir uns eine junge Lady an, die sich in einer Kugel verschanzt hat und leicht benommen vor sich hin tanzt. Sie ist nackt. Ich sehe sie, finde sie sexy, aber ich kann nicht sagen dass sie mir gefällt. Irgendwas stoppt mich, sie richtig geil zu nennen. Jedenfalls offeriert Troy noch weitere 3 Runden Beck`s und bestellt Champagner. "Mit einer Kreditkarte die andere abbezahlen", meint er immer. Wie kann er das, so ungeniert leben. Doch ja, eigentlich mach ich genau das gleiche, wenn ich mir das Leben so manch anderer Worka- Systemaholics betrachte. Ich studiere nicht weiter nach und wir verlassen den Club gegen 24.00 Uhr. Troy telefoniert. "Er ist in 2 Minuten da", nächster Club.
"Paradise Club" Klingt gut, sieht klein aus. Egal, 10.- Eintritt bezahlt, einen Aldi-Sekt spendiert bekommen und rein ins Nachtleben. Falsch gedacht. Ich fing an die Rassenfrage zu bezweifeln und wusste jetzt, dass auch weisse Menschen, schwarze Schafe sein können. Ich meine, was können wir dafür dass weisse Menschen geschichtlich gesehen auf der ganzen Welt Sklavenhandel betrieben haben, Rassentrennungen verherrlichten und Kriege führten? Wir wollten keinen Krieg, wir wollten einfach nur feiern. Hier und jetzt unsere Dekadenz in vollen Zügen geniessen Allerdings leichter gesagt als getan. Das Rassenthema hat uns alle eingeschränkt- hat über Jahrhunderte in der Geschichte Vorurteile und Xenophobie in uns alle eingetrichtert.
Jedenfalls... Dass ich mich schlecht fühle, der Einzige bzw. zu zweit sein, die in diesem Club Sekt trinken, Lackschuhe und Designerklamotten tragen, ist doch wohl verständlich. Raus hier.
Taxi ist zur Stelle. "Wohin geht`s?" Ich wusste nicht wohin es ging, überliess diese Entscheidung wie viele Male Troy, der ziemlich stoned zu sein schien. "Zwei Mädels von meiner Klasse haben sich im Wankdorf Club anwesend gemeldet. "Wär das was?" Klar geht das. Wir checken ein, lassen uns filzen und rein in die stinkende Masse voller systemgesteuerten Plastikgesichtern und Partyschlampen. Champagner bestellt, Hausmarke. 200.- leichter geht`s auf den Dancefloor. Dicht gedrängt an besoffenen Yuppies versuche ich zu tanzen. Es wird geschubst, Schweiss mit Hautkontakt übertragen und nicht geraucht. Schade, so riecht man den Gestank von Schweiss und Methan aller Kulturen. Wir betrinken uns und schwingen noch unsere Zungen in die bereits schon erwähnten Papa-ist-reich-Gören und verabschieden uns.
Letzte Whiskey on the rocks, Gin-Tonic`s und Redbull-Wodka`s lassen unsere Gedanken schwinden und unsere Lüste steigern. Nach 05.00 Uhr zerrt man uns raus, diskutiert noch mit Türken und lassen uns ein Taxi bestellen. Typischer Zustand tritt ein. Party vorbei, Sonntagsstimmung schaltet ein und man wird wieder sensibel. Gefühle kommen hoch, Gänsehaut. Genau in solchen Zeiten fragt sich Troy Dinge wie:"Was wäre wenn...?". Ich frag mich was er damit meint. Er meint, was wäre, wenn wir jetzt nach Paris trippen würden. Er würde es tun. Spontane Reise, niemals würden wir diesen Ausflug vergessen, keine Amnesie und kein Koma könnte dies vertuschen- Koma, Das seelische in-irgendeiner-Traumwelt-Sein, dem physischen Nichts-Seins. Ich kann jetzt nicht mehr über solchen Scheiss Gedanken machen, ich will in mein warmes Bett, scheissegal wie. Irgendwie stehen die Zeiger schon auf 08.00 Uhr wenn ich auf dem Bett liege. Ich liebe diesen Scheiss.
Ich penne bis 11.00 Uhr, stehe auf, Kopf unter den Wasserhahn, streiche mit meinen flache ausgestreckten Händen über mein bleiches, von der Nacht gezeichnetem Gesicht und sage mir leise:"Geile Scheisse!" Manchmal möcht ich echt für solche Szenen eine Kamera über der Schulter tragen.
Paris... Stadt der Liebe. Mann, wäre ich doch nur mit ihm nach Paris gefahren, dann wäre dieser Teil der Geschichte viel kleiner ausgefallen und hätte Platz gemacht für den Paris-Trip. Schade, vielleicht nächstes Wochenende?
Ich mach mir einen Kapselkaffee, mache auf George Clooney und ruf Troy an...
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